v.l. Holger Fuchs-Bodde, stellvertretender Bürgermeister Badbergen, Lühr Klee vom Samtgemeinderat Sottrum, Horstedts Bürgermeister Michael Schröck und Landschaftswartin Susanne Büsing.

Region Intakt engagiert sich für die ökologische Aufwertung der Wegraine

Wegeseitenränder werden immer wichtiger für den Erhalt der Artenvielfalt in unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft. Sie bieten Lebensraum für Wildkräuter und -gräser sowie Nahrung, Wohn- und Schutzraum für Insekten, Vögel und Kleinsäuger. Raine durchziehen unsere Landschaft wie ein großes Netz und können so die notwendige Verbindung zwischen den Lebensräumen unserer Pflanzen- und Tierwelt herstellen. Ihre Gesamtfläche könnte das größte Naturschutzgebiet Deutschlands darstellen und auch die Menschen mit vielfältigem Grünen, Blühen und Summen erfreuen.

Dazu bedürfte es allerdings einer Wiederaneignung der heute oft landwirtschaftlich genutzten Flächen durch die Gemeinden, die Eigentümer der Feld- und Gemeindeverbindungswege sind (siehe dazu die Broschüre des BUND „Wegraine und Gewässerrandstreifen“, Hannover 2014). Und es wäre eine veränderte Pflege der Wegerandstreifen nötig, damit die heute meist ökologisch wertlosen Grasstreifen zu blühenden Rainen werden. (Siehe auch den „Lengericher Wegrainapell“ vom August 2014. Hier anklicken)


Wegeseitenränder als Ausgleichflächen?


Unter diesem Titel fand am 29.9.15 ein Vortrag in der sehr gut besuchten Stapeler Feuerwehrhalle statt. Referent war Dipl. Ing. Wolfgang Tangemann aus Bramsche, der dort ein solches Wegrainprojekt als zuständiger Abteilungsleiter betreut.




Der Verein Region Intakt beschäftigt sich seit längerem mit diesem Thema.

2009 holten wir die Ausstellung „Blühende Raine – natürlich voller Leben“ des NLWKN (siehe www.nlwkn.de/ Naturschutz) in die Gemeinde, wo sie im Rahmen des Horstedter Kräutertages viel beachtet wurde.

2010 Erstellung „Merkblatt Pflege Wegeseitenränder“, das die wichtigsten Pflegehinweise für Ackerrandsstreifen enthält (siehe unten).

Mit Briefen an Politiker, Zeitungsartikeln und Leserbriefen wiesen wir außerdem auf die Möglichkeiten einer extensiveren Pflege der Kreis- und Landstraßen gemäß dem „Merkblatt für die Straßenbetriebsdienste“, Teil Grünpflege, hin.

Im Juli 2015 organisierte der Verein eine Exkursion nach Badbergen (Landkreis Osnabrück), wo die Gemeinde seit 2012 abschnittsweise Wegraine neu einsät und nachhaltig als Dauerbiotope pflegt. Dazu hier ein Link zu einem Pressebericht:

http://www.rotenburger-rundschau.de/lokales/sottrum/sottrumer-informieren-sich-ueber-wegraine-projekt-113119.html


Das Badbergener Wegrainprojekt

Das Projekt wurde auf kommunaler Ebene initiiert und wird von der Gemeinde getragen

(siehe den Artikel in der Neuen Osnabrücker Zeitung http://www.noz.de/lokales/samtgemeinde-artland/artikel/504034/badbergen-baut-wegerandstreifenprogramm-aus#gallery&0&0&504034 ).

Seit 2012 wird jährlich ein Wegrainstreifen von ca. 1 km Länge als blütenreicher Saum und Dauerbiotop neu angelegt und speziell gepflegt.

Anlage : Der Streifen wird von der Gemeinde ausgesucht, seine Breite überprüft  und ggfs. neu vermessen (siehe dazu die BUND-Broschüre „Wegraine und Gewässerrandstreifen“, Hannover, Mai 2014). Er sollte mindestens 3 m breit sein. Im August wird er zur Vorbereitung gepflügt und/oder gefräst, 3-4 Wochen später möglichst zweimal geeggt, um Wurzelunkräuter herauszuholen. Anfang September wird eine Mischung aus gebietsheimischen Blühpflanzen und Gräsern auf der Basis des regionalen Saatgutes der Firma Rieger-Hofmann eingesät, die dann im Frühjahr keimt. Der sehr unterschiedlich feine und schwere Samen wird dabei zum besseren Ausbringen mit gentechnikfreiem Sojaschrot versetzt. Das Einsäen wird bisher als Gemeinschaftsaktion per Hand gemacht.

Pflege: Etwa 8 Wochen nach dem Auflaufen der Saat im Frühjahr erfolgt ein „Schröpfschnitt“, um die ebenfalls auflaufenden Unkräuter zurückzudrängen. Mahd dann jeweils Ende Juli am langen Halm (Kreisel- oder Balkenmäher), und zwar 10 cm über dem Boden zum Schutz der Pflanzenrosetten. Das Mahdgut wird ca. eine Woche  liegen gelassen (zum Aussamen und wegen der darin lebenden Insekten) und dann abgetragen und kompostiert, damit der Boden nicht durch liegenbleibenden Mulch aufgedüngt wird. Bis zum Herbst gibt es eine Nachblüte sowie Überwinterungsmöglichkeiten für Insekten und Kleintiere.

(Im Gemeinderat Badbergen wurde außerdem 2015 beschlossen, alle Wegraine grundsätzlich erst nach dem 15. Juli zu mähen.)

Kosten: Für diese Arbeiten werden Lohnunternehmer beauftragt; sie übernehmen auch das Kompostieren.

Kosten in Badbergen: ca. 2000,- €/Jahr; der größte Posten dabei ist das Saatgut.

Die Samtgemeinde Bramsche (Gemeinde Üffeln) plant derzeit ein großes Projekt nach dem Badbergener Vorbild, wobei die neu angelegten Raine als Kompensationsflächen genutzt werden. Auf diese Weise kann viel Geld in die Säume fließen, da der Ankauf von Ausgleichsflächen sehr viel teurer wäre. (Siehe Artikel in der Neuen Osnabrücker Zeitung: http://www.noz.de/lokales/bramsche/artikel/545148/naturschutz-programm-soll-in-ueffeln-umgesetzt-werden )

Wissenschaftliche Begleitung: Das Projekt wurde durch die Uni Osnabrück begleitet. Dort wurde 2010 bis 2013 (gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung) ein Forschungsprojekt „pro saum – Etablierung artenreicher mehrjähriger Krautsäume“ durchgeführt. Auf der Basis der dabei gemachten Erfahrungen wurde ein „Praxisleitfaden zur Etablierung und Aufwertung von Säumen und Feldrainen“ erstellt (siehe www.offenlandinfo.de ). Die Umsetzung auf Gemeindeebene beinhaltet die Chance, solche artenreichen Säume auf Dauer einzurichten.

Bei dem pro-saum-Projekt blieben die Säume über die 3 Jahre artenreich. In Badbergen wird eine Veränderung in der Zusammensetzung über die Jahre beobachtet, jedoch noch keine Verdrängung durch die üblichen Gräser und Unkräuter. Es werden auch im dritten Jahr bis zu 30 Blühpflanzen beobachtet.

Akzeptanz und Konflikte:  Festzuhalten ist, dass die Gemeinden ihren gesetzlichen Pflichten nachkommen, wenn sie die Wegraine pflegen, da diese ihr Eigentum sind.

Nach anfänglicher Skepsis und z.T. auch Auseinandersetzungen stehen die Landwirte dem Projekt inzwischen überwiegend positiv gegenüber und schlagen sogar von sich aus Rainstreifen für die Neuanlage vor. Auch die Landwirte sind auf die Existenz von Insekten angewiesen.

Damit die Wegraine nicht teilweise von den angrenzenden Landwirten („versehentlich“) überpflügt werden, werden sie neuerdings mit Pfosten markiert.

Radfahrer freuen sich an dem ungewohnten Blühen!

Badbergen gehört zur Samtgemeinde Artland und liegt bei Quakenbrück im Norden des Landkreises Osnabrück. Die Einheitsgemeinde hat ca. 4500 Einwohner in mehreren Dörfern und Siedlungsstellen, verstreut auf einer relativ großen Fläche von 8000 ha mit ca. 160 km Gemeindewegen. 

Initiator und Ansprechpartner: Holger Fuchs-Bodde-Gottwald, grünes Gemeinderatsmitglied und stellvertretender Bürgermeister sowie Bioland-Imker, hier die Website:
http://www.imkerei-honigsuess.de/bioland-imkerei.php

Stapel, 12.8.2015

 

Birgit Lindberg


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Merkblatt: Pflege Wegeseitenränder

Wegeseitenränder werden immer wichtiger für den Erhalt der Artenvielfalt in unserer intensiv genutz-ten Kulturlandschaft. Sie bieten Lebensraum für Wildkräuter und -gräser sowie Nahrung, Wohn- und Schutzraum für Insekten, Vögel und Kleinsäuger. Raine durchziehen unsere Landschaft wie ein großes Netz und können so die notwendige Verbindung zwischen den Lebensräumen unserer Pflanzen- und Tierwelt herstellen. Ihre Gesamtfläche stellt, theoretisch jedenfalls, das größte Naturschutzgebiet Deutschlands dar. Die Raine bieten auch den Menschen mit ihrem vielfältigen Grünen, Blühen und Summen das naheliegendste Gebiet für Naturerleben und Naturbeobachtung.

Damit die Wegraine diesen Aufgaben gerecht werden, müssen sie 1. erhalten bzw. wiederhergestellt werden und braucht es 2. eine angemessene Pflege. Diese ist im besten Fall an die örtliche Bodenbeschaffenheit und die davon bestimmte Vegetation angepasst. Hier allgemeine Pflegehinweise, deren Beachtung nicht allzu aufwändig ist, aber die Lebensbedingungen für Rainpflanzen und Kleintiere deutlich verbessert:


Grundsätzlich:
Kein Spritzen, kein Düngen, kein unnötiges Befahren!

Brache: Ziel ist das Gedeihen der örtlichen Wildpflanzen und Kleintiere. Dazu braucht es Flächen, auf denen sich diese ungestört entwickeln können. Das heißt, mindestens zu einem Drittel sollten die Raine brachliegen und nur alle drei Jahre gemäht werden (Distelbestände vorm Blühen köpfen).

Mähen: 
Wie oft und wann?
In der Regel sollte die Mahd spät im Jahr (Ende Sept./Anfang Okt.) erfolgen, damit sich die Pflanzen- und Tierwelt im Verlauf der Vegetationsperiode möglichst ungestört entwickeln kann. Streifen als Überwinterungsmöglichkeit stehen lassen.
Ein zusätzlicher früherer Mähtermin kann nach der Vogelbrut und dem Aussamen der Blühkräuter erfolgen, also Mitte Juli (nicht früher auf den hiesigen leichten Böden). Dies kann zu einer für Insekten günstigen Nachblüte führen.
Zur Schonung von Bienen u.a. : vor 8 oder nach 18 Uhr mähen bzw. an bedeckten, kühlen Tagen.

Wo?
Nie gleichzeitig beide Seitenränder und nicht durchgängig mähen, sondern am besten:
- Abschnitte von 30 – 200 m bilden, ein Drittel Mitte Juli und Sept./Okt. mähen, ein   Drittel im Sept./Okt., ein Drittel alle drei Jahre („Mosaik-Pflege“);
- gegenüberliegende Wegränder zu unterschiedlichen Zeitpunkten mähen;
- im Herbst nur einen Teil der Rainbreite mähen und den restlichen Streifen stehen lassen (Überwin-terungsgelegenheiten).

Wie?
Das heute übliche Mulchen ist für die Lebewesen im Rainstreifen tödlich. Und das liegenbleibende Mähgut führt zu einer Nährstoffanreicherung, die zu einer Verdrängung vieler Blühkräuter führt.
Daher ist es sinnvoll,  mit dem Balkenmäher zu mähen. Optimal ist es, das Mähgut öfter abzuräumen; in dem Fall das Mähgut ein paar Tage liegen lassen, damit die darin lebenden Insekten herauskrab-beln und die Pflanzen aussamen können.


Die Angaben dieses Merkblatts beruhen auf  den Ergebnissen des Projekts „Naturschutzgemäße Pflege von gemeindeeige-nen Wegrainen“ des Landkreises Uelzen (www.landkreis-uelzen.de/wegrainprojekt), dem Flyer „Blühende Raine“ des Nds. Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz  (www.nlwkn.de) und der Broschüre „Wegränder. Bedeutung, Schutz, Pflege“ hrsg. Auswertungs- u. Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft u. Forsten (aid e.V.) www.aid-online.de